Reformation

Die kirchliche Situation im Spätmittelalter

In Westfalen war die kirchliche Situation im Spätmittelalter wie in den gesamten übrigen deutschen Landen mehr oder weniger desolat. Der Pfarrklerus bildete durch Armut und Unbildung in etlichen Gemeinden ein geistliches Proletariat. Übertriebene Heiligenverehrung und Reliquienfrömmigkeit bestimmten die Glaubenspraxis der Gläubigen. So kritisierte 1451 der Kardinal Nikolaus von Kues die vielen „Possen und Fabeln“ in den Gottesdiensten. Die Hildesheimer Kongregation der Augustiner-Chorherren oder die Barsfelder-Benediktinerkongregation versuchten, diese Verhältnisse zu reformieren. Eine wirkliche Verbesserung der Situation ergab sich daraus jedoch nicht.

Nach 1530 bildeten sich in Westfalen in vielen großen Städten Bürgerausschüsse, die die Reformation einführten. Auch die Hinwendung zum Humanismus in dieser Zeit beförderte den reformatorischen Gedanken. Humanistisch geprägt war auch die Domschule in Münster, die natürlich ins Umland ausstrahlte.

In den 1520er Jahren flammten zunehmend soziale Unruhen auf. 1525 gab es zum Beispiel einen Bürgeraufstand in Münster, der sich auf die Landstädte des Oberstiftes Münster ausweitete. Kaufleute und Handwerker protestierten hier gegen die Privilegien des Klerus und der Klöster. Durch ihre Produktion von landwirtschaftlichen Produkten und anderen Waren traten diese in die direkte Konkurrenz zu den Bürgern und Gilden, ohne sich freilich an den städtischen Lasten zu beteiligen.

Die Stellung der Fürstbischöfe zu Münster

Am 1. Januar 1532 wurde der Bischof von Minden, Franz von Waldeck, zum Bischof von Münster gewählt. Er besaß große Sympathien für die Reformation, forderte aber nach außen die Einhaltung des alten Glaubens. Die üblen Ausschreitungen während des Täuferreichs in Münster dämpften seine Sympathien für die Reformation. Franz von Waldeck wusste aber zwischen den radikalen Täufern und der lutherischen Reformation wohl zu unterscheiden. Zwischen 1541 und 1543 versuchte er, die Reformation im Hochstift Münster einzuführen, scheiterte aber Widerstand des Domkapitels und Teilen des Adels. Dennoch darf man feststellen, dass große Teile des Adels in Westfalen der Reformation sehr zugeneigt waren. Im Niederstift Münster wurde die Reformation allerdings durchgeführt. Im Oberstift Münster waren dennoch zu dieser Zeit Priesterehe und die Austeilung der Eucharistie in beiderlei Gestalt weit verbreitet. Der Nachfolger Franz von Waldecks war Wilhelm von Ketteler (Wahl 1553). Dieser ging in die offene Konfrontation mit Rom, trat dann aber 1557 vom Bischofsamt zurück. Auch der Nachfolger Bischof Bernhard von Raesfeld setzte die Gegenreformation im Hochstift Münster nicht durch. Visitation ergaben bis 1571 das Lemberg, Wulfen, Rhade, Hövel und Velen lutherisch waren. Erst Ferdinand von Bayern setzte als Bischof von Münster die Gegenreformation im Oberstift Münster wirklich durch.

Reformation in Hövel und Bockum

Nur auf diesem Hintergrund kann man das Geschehen in Hövel und den Bockum recht verstehen. 1534 trat der Besitzer von Ermelinghof, Gert von Galen, wie viele Adelige, zur Lehre Luthers über. Er war von seinem Bruder, dem Domherrn und Kirchherrn, dazu bewogen worden. Dem Einfluss der Familie von Galen, die 118 Jahre hindurch evangelisch geblieben ist (bis 1652) ist es zu verdanken, dass auch Hövel fast 80 Jahre lutherisch war. Etwa um 1550 trat der Sohn des Gert von Galen, ebenfalls ein Gert von Galen, mit seiner Gemahlin Michthild von Korf zur lutherischen Konfession über.

1563 wurde durch die Berufung des Predigers Johann oder Theodor Brechte nach Hövel nun auch die Gemeinde in Hövel an der St. Pankratiuskirche lutherisch.

Auf Brechte, der nach Hamm versetzt wurde, folgte im Jahre 1564 der ehemalige Dominikanerprediger in Göttingen, Johannes Hardt. Über diesen wird berichtet: „Hardt war von seinem Kloster in Dortmund nach dem Kloster zu Göttingen geschickt worden. Hier heiratete er und nahm sich die Margarete Wollers dortselbst zum Weibe. Diese nahm er mit sich nach Hövel. Er ließ in der Kirche deutsch singen, veränderte das Messbuch usw.. Da er in deutschen Gesängen und im Predigen sehr geschickt war, so eilten die Bürger aus Hamm an Sonn- und Feiertagen nach Hövel, um ihn zu hören. Die Obrigkeit ließ, um dies zu verhindern, an diesen Tagen das Nordentor schließen. Er wurde dann zum Prediger nach Hamm berufen.“

Von 1575 bis nachweislich 1586 war Bitter von Galen Pastor von Hövel. Er war ein Sohn des Jobst von Galen und Neffe von Gert von Galen. Bevor dieser in Hövel investiert wurde war er Kanoniker und Küster in Cappenberg. Luitwin von Galen weist nach, dass Bitter von Galen mit Sicherheit katholisch war. Heißt es doch in der Investitururkunde vom 09.11.1575: …verleihen die Aussteller das Pastorat an Bitter von Galen zu Ermelinghoff, Kanoniker zu Cappenberg, als eine dazu qualifizierte Person und bitten den Archidiakon, nach Abnahme des Eids, welcher die Einhaltung der katholischen Konfession und Zeremonien verlangt, den Praesentierten feierlich zu investieren …“

Wahrscheinlich liegt hier der häufig vorkommende Fall vor, dass ein Geistlicher nach außen katholisch, der Überzeugung nach aber protestantisch gesinnt war und sein Amt ebenso führte.

1591 ist Georg von Galen, Sohn des Hammer Bürgers Philipp von Galen, Pastor in Hövel. 1616 wird als Pastor in Hövel ein Henrich Brink genannt.

1618 tarb der letzte lutherische Pastor in Hövel, namens Warensbergh. Wahrscheinlich ist dann die Pfarrstelle mehrere Jahre unbesetzt geblieben; danach ist der katholische Pfarrer Theodor Baggel (bis 1668) in Hövel. Er klagte, dass weder Monstranz noch Leuchter, noch Fahnen, noch Weihkessel vorhanden waren (Schwieters S.279).

Es sollen nun noch einige Einzelheiten als Anzeichen evangelischen Lebens in der genannten Zeit erwähnt sein, die sämtlich dem oben genannten Buch von Friedrich Brune entnommen sind.

So heißt es 1571: Es wird festgestellt, dass die neue lutherische Lehre überall eingeführt war und aus der Kirche in Hövel alle Zeichen des katholischen Kultus entfernt waren.

1572 wird in Bockum das Abendmahl nach lutherischem Ritus ausgeteilt.

Im selben Jahr war Hövel weithin der Reformation zugeneigt gewesen. Es hat jetzt wohl einen katholischen Pfarrer; aber in der Kirche fehlt alles spezifisch Katholische; keine ewige Lampe, keine Fahne u. a. m. Letzte Ölung, Seelenmesse usw. werden nicht mehr gehalten. Naturgemäß ist in Hövel auch kein ernsthaft evangelisches Leben zu finden, da hierzu die Voraussetzungen fehlen.

„Verheiratet ist fast an jedem Ort ein Teil der Geistlichen; daran nimmt auch fast keiner mehr Anstoß. Nur die dem Konzil von Trient gehorsame Leitung des Bistums Münster verwarnt, droht und bestraft diese Priester, die an diesem Punkte in nichts dem Evangelium zuwiderhandeln. Aber trotz Drohung usw. seitens der Visitation erklärt immer wieder ein Teil der Geistlichen, daß es ihnen nicht möglich sei, ihre Frauen zu entlassen („dimittere).“

1601 wird berichtet, dass der Pastor von Bockum, D. Eberhard Hennemann, angibt, nicht zu wissen, dass Christus das Sakrament der Letzten Ölung eingesetzt habe. Sieben Sakramente kann er nicht aufzählen. Glaube, Liebe, Hoffnung seien auch Sakramente. Bisweilen singt man in der Kirche: „Wir glauben all an einen Gott" und „Vater unser im Himmelreich" (also Lutherlieder!) .

1613 gibt der Vikar von Bockum an, dass sie keine Monstranz besäßen. Außer der adligen Familie von Ermelinghof sind alle katholisch.

In den Protokollen der „visitationes Episkopales" 1613 bis 1616 heißt es: In dem nahe bei Hamm in Bockum gelegenen Hospital ist von den Konventualinnen nur eine, welche den neuen Glaubenseid nicht abgelegt hat. Zwei Insassen haben noch kürzlich geheiratet.

1652 trat Alexander von Galen mit seiner Familie, die in Ermelinghof wohnte, beeinflusst durch Fürstbischof Christian Bernhard von Galen (1650-1678), zur katholischen Kirche zurück.

Zusammenfassung

Abschließend kann man sagen, dass es wohl sehr ernsthafte Ansätze des lutherischen Glaubens ins Hövel und Bockum gab. Die Familie von Galen ist profiliert evangelisch, die Geistlichen lebten deutlich nach reformatorischen Grundsätzen und auch die alte St. Pankratiuskirche ist Symbol des Protestantismus in dieser Zeit. Aber die einfachen Gläubigen verstanden sich trotz aller Veränderungen in der reformatorischen Phase immer als katholisch. Schließlich handelten es sich hier um einfache, auch ungebildete Menschen mit meist bäuerlichem Hintergrund. Es fehlte an einer selbstbewussten Bürgerschaft, die, wie in andern größeren Städten der Umgebung (z. B. Ahlen oder Soest), das reformatorische Gedankengut beförderten.

Jeder also, der heute am Schloss Ermelinghof vorbeifährt, sollte sich der protestantischen Wurzeln bewusst sein, die gerade mit diesem Haus verbunden sind.

Hans Witt

Literatur:

Friedrich Brune, Der Kampf um eine evangelische Kirche im Münsterland 1520-1802, Witten-Ruhr, 1953

Erwin Lorentz, Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Bockum-Hövel, Essen 1938, Neuauflage 1960

Jens Murken, Die evangelischen Gemeinden in Westfalen. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 1, Bielefeld 2008

Fritz Schumacher, Hartmut Greilich, Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Bockum-Hövel, 1956, Neuauflage 2002

Robert Stupperich, Westfälische Reformationsgeschichte. Historischer Überblick und theologische Einordnung, Beiträge zur westfälischen Kirchengeschichte Bd. 9, Witten-Ruhr, 1993

Luitwin von Galen, E-Mail an die Ev. Kirchengemeinde Bockum-Hövel vom 12.05.2009

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